Interview mit Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann, Leiter der Stiftung

Donnerstag, 19. November 2015

Neue Features der Milbencheck-App unterstützen Hausstaubmilbenallergiker in ihrem Alltag.

 

Warum brauchen Milbenallergiker eine App?

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann: Apps sind wichtige Begleiter für Patienten geworden. Sie bieten allgemeine Unterstützung, helfen bei häufigen Fragen und ermöglichen Patienten ihre Beschwerden zu dokumentieren und besser zu verstehen. In Deutschland sind ca. 16% der Erwachsenen auf Hausstaubmilben sensibilisiert. Jeder zweite Patient mit Atemwegserkrankungen ist zudem auf Hausstaubmilben sensibilisiert. Damit sind die Milbenallergiker nach den Pollenallergikern die zweitgrößte Gruppe unter den Allergikern, denen wir mit neuen Features unserer App eine Unterstützung in ihrem Alltag bieten wollen.

Welchen Mehrwert bietet die Milbencheck-App 2.0.?

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann: Die Milbencheck-App ist ein wichtiger Begleiter für jeden Hausstaubmilbenallergiker. Dieser kann auf dem neuen Dashboard seine Symptome ganz genau dokumentieren und auch vergleichen, wie es ihm ohne medikamentöse Behandlung gehen würde. Außerdem wird der Gesamt-Symptomscore aller Nutzer dargestellt, damit der Nutzer seine Werte mit denen anderer Nutzer vergleichen kann. Mit dem Dashboard wollen wir erreichen, dass der Milbenallergiker seine Symptome besser einordnen und verstehen kann.
Außerdem gibt das Dashboard einen Überblick über seinen Therapiestatus, wenn der Patient eine spezifische Immuntherapie (SIT) durchführt, mit der die Allergie ursächlich behandelt werden kann. Diese Therapie ist sehr erfolgsversprechend, dauert aber drei Jahre, daher ist es für den Patienten wichtig, eine Übersicht zu haben, wie weit er mit seiner Therapie ist – und zu vergleichen, wie es ihm ohne Behandlung gehen würde.
Ganz besonders spannend finde ich auch den neuen Milbenscore: Damit kann der Milbenallergiker die Allergenbelastung in seinem Wohnumfeld berechnen. Dafür muss er für alle Räume angeben, welche Möbel und weiteren Gegenstände sich darin befinden, die Auswertung zeigt ihm dann pro Raum, wo die stärksten Allergenquellen versteckt sind.

Jetzt fängt die Heizsaison wieder an, worauf sollten Milbenallergiker besonders achten?

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann: Für Milbenallergiker ist besonders problematisch, dass in der Heizungsperiode die Milben absterben und ihr Kot bzw. auch die Milbenkörper austrocknen und feinste Schwebepartikel in unsere Nasen und Lungen vordringen können. Im Schlafzimmer bzw. in den Matratzen finden Milben ein feuchtes, warmes Klima vor, in dem sie sich gern vermehren. Deshalb ist hier die Allergenexposition oft besonders hoch.
Im Winter ist es für Allergiker besonders wichtig, regelmäßig zu lüften. Bettzeug sollte bei mindestens 60° Celsius gewaschen werden. Das Schlafzimmer sollte trocken sein und die Luftfeuchtigkeit höchstens 50% betragen. Encasings, spezielle Schutzbezüge für Matratzen, können die Allergenbelastung etwas reduzieren, führen aber nicht zu einer Beschwerdefreiheit. Generell sollten Allergiker sollten darauf achten, möglichst wenig Staubfänger wie Teppiche, schwere Vorhänge, gepolsterte Sofas oder auch Stofftiere in ihrer Wohnung zu haben. Letztlich sind all diese Maßnahmen aber leider oft vergebene Liebesmüh: Denn was machen Allergiker außerhalb ihrer Wohnung? Sie sind im Bus, im Büro oder im Kino und auch dort gibt es überall Milben, denen sie nicht aus dem Weg gehen können. D.h. die Belastung ist eigentlich immer da.

Woran erkenne ich eine Milbenallergie?

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann: Das ist im Winter gar nicht so einfach, denn die Symptome werden oft mit denen einer hartnäckigen Erkältung verwechselt. Typische Symptome sind z.B. eine chronisch verstopfte Nase, ein trockener Husten, juckende Augen, ständig wiederkehrende oder auch länger als normal anhaltende „Infekte“. Wenn man den Verdacht auf eine Milbenallergie hat, kann man z.B. mit der Milbencheck-App seine Symptome genauer dokumentieren und die Auswertung mit zum Arzt nehmen. Ein Allergologe prüft dann z.B. mit einem Prick – oder Provokationstest, ob tatsächlich eine Sensibilisierung bzw. Allergie auf Haustaubmilbenallergene vorliegt.

Ist eine Allergenvermeidung als Hausstaubmilbenallergiker überhaupt möglich?

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann:
Die erste Regel bei einer Allergie ist immer die Karenz. Aber genau das ist leider bei der Milbenallergie besonders schwierig. Ein Tierhaarallergiker kann auf die Anschaffung z.B. eines Hundes verzichten, um den Allergen-Kontakt zu reduzieren. Der Pollenallergiker hat es da im Frühjahr schon schwieriger, den Pollen aus dem Weg zu gehen, aber der Hausstaubmilbenallergiker hat so gut wie gar keine Chance, den Milben zu entkommen, da sie überall sind. Also nicht nur in den Betten, sondern auch in Teppichen und Vorhängen, aber auch in den Sitzbezügen von Bussen oder Kinosesseln. Die Belastung mit Milbenallergenen im Bett während der Nacht wird nur auf 10-20% der Tagesexposition geschätzt.

Warum sind Hausstaubmilbenallergiker besonders gefährdet, Asthma zu entwickeln?

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann: Auslöser einer Milbenallergie sind nicht die Hausstaubmilben an sich, sondern deren Allergene im Kot und den Zerfallsprodukten abgestorbener Tiere. Da diese Zerfallsprodukte sehr kleine Partikel sind, werden sie auch tief in die Lunge eingeatmet. Das erhöht das Risiko, an Asthma zu erkranken. Durchschnittlich entwickelt jeder Zweite mit einem Milbenschnupfen auch ein Milben-Asthma.

Echten Schutz vor Milben gibt es nicht. Was können Milbenallergiker dann gegen ihre Beschwerden tun und wie können sie sich vor Asthma schützen?

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann: Eine spezifische Immuntherapie (SIT) setzt an der Ursache der Erkrankung an. Ziel dieser Therapie ist, den Körper langsam an die Milbenallergene zu gewöhnen, damit er nicht mehr allergisch reagiert. Zur Durchführung steht dem Arzt eine Auswahl an Präparaten in Form von Spritzen, Tropfen und Tabletten zur Verfügung. Allerdings ist nicht jede SIT gleichermaßen erfolgreich. Die neue Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) listet deshalb auf, welche auf dem Markt erhältlichen Präparate wirksam sind und den Anforderungen der Leitlinie entsprechen. Dazu zählen z.B. solche Präparate, die präventive Effekte oder eine Reduzierung von Neusensibilisierungen, d.h. gegen weitere andere Allergene, in Studien nachweisen konnten. Prävention spielt besonders für Hausstaubmilbenallergiker mit dem Risiko Asthma eine wichtige Rolle. Mit wirksamen SIT-Präparaten hat der Hausstaubmilbenallergiker eine gute Chance, seine Allergie in den Griff zu bekommen. Die Kosten für eine SIT trägt übrigens die Krankenkasse.



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